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„Damals waren wir Nummern, heute sind wir Menschen“
Frantisek Gil – Gespräch mit einem Zeitzeugen
OSZ Bürowirtschaft und Verwaltung, 07.05.2010
Am 07.05.2010 fanden sich ca. 50 Schüler/innen zu einem Zeitzeugen-Gespräch mit dem ehemaligen KZ-Insassen Frantisek Gil aus Tschechien zusammen. Gebannt und neugierig waren die Blicke der Schüler/innen, als Herr Gil den Raum betrat. Nachdem alle Platz genommen hatten, eröffnete Herr Dr. Werner Polster (Fachbereichsleiter für Politische Bildung) den Vortrag mit einer kurzen Begrüßung.
Die Familie Frantisek wurde im Zuge der Heydrich-Aktion in „Sippenhaftung“ genommen. Siebenundzwanzig Familienmitglieder wurden in verschiedene Konzentrationslager deportiert. Fadenscheinige Gründe waren es, aus denen heraus Herr Gil von der GESTAPO festgenommen wurde. Als Vorwurf galt, dass er seine Schwester versteckt haben sollte. Man nahm ihn in „Schutzhaft“, wie es euphemistisch hieß. Gerichtsurteile gab es erst gar nicht und die „Schutzhaft“ beinhaltete eine sechsmonatige U-Haft.
Ohne weiteren Prozess ging es danach weiter durch verschiedene Städte wie Breslau, Ostrau, Ravensbrück und Berlin. Widrige Umstände waren es, unter denen die „Reise“ verlief. Notdurft wurde in den Zugwaggons verrichtet und in den für drei Personen konzipierten Waggons waren die Häftlinge zu acht eingepfercht. Zu den Schikanen der Nazis gehörten verschiedene Erniedrigungen. In einer Zelle mussten die Gefangenen stehen, in der anderen sitzen oder auf dem Bauch liegen. Kommunikation war ohnehin generell verboten. Kam es doch vor, dass Häftlinge bei einer Unterhaltung ertappt wurden, gab es je nach Strafmaß fünf, zehn oder fünfundzwanzig Schläge. Zu den beliebten Schikanen der Wärter gehörten Nierenschläge. Nach Aufenthalten in verschiedenen Konzentrationslagern kam Herr Gil nach Sachsenhausen. In diesem KZ wurde Herr Gil mit anderen Häftlingen zum Bombenräumen im Außenlager Lichterfelde eingeteilt. Die Häftlinge gruben und die Pyrotechniker der SS entschärften.
Nach seiner Zeit in Lichterfelde wurde Frantisek Gil am 20.04.1945 nach Sachsenhausen gebracht. Dies war seine letzte Station nach seiner Odyssee durch die Konzentrationslager der Nationalsozialisten. Sachsenhausen wurde genau einen Tag später von der SS evakuiert, und die Häftlinge traten ihren 240 km langen Todesmarsch nach Criwitz an, auf dem 12 000 von 30 000 verhungerten, vor Erschöpfung starben oder erschossen wurden.
Sichtlich gerührt waren die Schüler und das Lehrpersonal als Herr Gil mit feuchten Augen von dem Schicksal seiner Mutter und Schwester erzählte, die auf grausame Weise in Konzentrationslagern ums Leben kamen.
Es ist einfach, Geschichte Geschichte sein zu lassen und über Vergangenes nicht weiter nachzudenken. Herr Gil sagte dazu in seiner Rede am 8. Mai 2010: „Wenn die Geschichte verkannt und vergessen wird, werdet ihr nicht erkennen, welche Last euch die Nationalsozialisten aufgebürdet haben. Menschen, die ihre Geschichte nicht kennen, sind nicht imstande, die Zukunft zu gestalten.“
Im Anschluss an den Vortrag gab es Fragen an Frantisek Gil.
Gibt es noch Geräusche oder Gerüche, die Erlebtes bei Ihnen wieder aufkommen lassen?
Nachts gab es danach noch Situationen in denen ich aufsprang.
Wie gehen Sie damit um, dass sich Menschen, die an diesem Grauen beteiligt waren, sich Ihrer Verantwortung entziehen?
Es ist Irrsinn, sich dieser Schuld zu entziehen, es gibt genügend Zeugenaussagen, die diese Gräuel beweisen. Diese Menschen fühlten sich nicht schuldig und fühlen sich bis heute nicht.
Wie ist Ihr Verhältnis heute zu den Deutschen?
Ich sehe den Menschen, also unterscheide ich zwischen Gut und Böse. Es war nicht jeder Deutsche an diesen Gräuel beteiligt, es gab schließlich auch Widerstand. Meiner Meinung nach waren es eben nicht die Deutschen, sondern die Nazis. Andere Länder hätten auch schon viel früher in Aktion treten können. Die Präsidenten der USA und der Tschechoslowakei, Roosevelt und Emil Hácha, hatten „Mein Kampf“ gelesen, in dem alles Geplante detailliert stand.
Wussten Sie während Ihrer Verhaftung, was auf Sie zukommen würde?
Nein, ich ahnte nichts (lacht). Ich nahm es leicht hin, denn meine Familie hatte nichts gemacht. Erst dann kam die Sammelklage.
Hatten Sie nach der Rückkehr in die Heimat Probleme über das Vergangene zu sprechen?
Ich wurde gefragt und konnte auch darüber relativ locker sprechen. Ich sah dies als eine Aufgabe, genauso wie meine zwei geschriebenen Bücher, in denen ich das Erlebte niederschrieb.
Was empfinden Sie, wenn sie die neuen Generationen rechtsradikaler Gruppen sehen?
Diese Menschen haben die Rassentheorie überhaupt nicht begriffen. Wenn in Polen oder Russland Rechtsradikale durch die Straßen laufen, ist die Hälfte von ihnen nicht einmal „arisch“.
Konnten Sie Nachrichten während Ihrer KZ-Zeit empfangen?
In Ravensbrück bestand dazu keine Möglichkeit. In Berlin kamen wir manchmal an den „Berliner Beobachter“, eine propagandistische Zeitung der Nazis. Im Nachhinein wurde mir bewusst, dass am Tag des „Stauffenberg-Attentats“ das Lager geschlossen wurde. Korrespondenz war sowieso eingeschränkt, es herrschte Zensur. Kontakt nach außerhalb war ohnehin sehr schwierig.
Könnten Sie Aussagen zu den Entnazifizierungsprozessen treffen?
Leider waren manche Leute unbelehrbar.
Haben Sie immer noch gesundheitliche Einschränkungen?
Ich bin bei guter Gesundheit und habe einige Krankheiten überstanden. Es ist immerhin eine Ausnahme, noch Zeitzeugen zu haben (lacht).
Haben Sie eine Entschädigung seitens Deutschlands erhalten?
Nach der Wende gab es Entschädigungen in Form von 250 000 Kronen (ca. 10 000 €). Der Tschechische Staat berücksichtigte außerdem die KZ-Haft bei der Auszahlung der Rentenansprüche zusätzlich mit einem „Bonus“.
Philipp Ablaßmaier (DQ 81, Abt. I/III)
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